Dix und Kunst und Baukunst in Gera

Kulturvoller Jahreswechsel in Gera
Den Jahreswechsel 2025/2026 verbrachte ich in der Nähe von Gera. Die ehemalige Bezirkshauptstadt liegt in Thüringen und hat durch einen berühmten Sohn der Stadt einen engen Bezug zu Sachsen. Ihm zu Ehren bietet die Stadt Gera für Kunst- und Kulturliebhaber seit dem 4. Oktober 2024 eine neue und ausgesprochen eindrucksvolle Möglichkeit der Kunstschau. In der Kunstsammlung Gera – Orangerie wird die neue Dauerausstellung „Otto Dix – Trau Deinen Augen“ gezeigt.
Mit 50 Gemälden und 35 Arbeiten auf Papier präsentiert das Haus Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Interessant erscheint mir eine Anmerkung im Ausstellungsbegleiter. Da wird darauf hingewiesen, dass es sich um eine „semipermanente“ Ausstellung handelt. Vorübergehend und dauerhaft, bis man das geplante Otto-Dix-Museum in Gera realisiert hat. Das sind schon starke Worte.

Hervorzuheben sei noch, dass die Geraer Einrichtungen allen Dix-Interessierten mit einer Kombikarte die preiswerte Möglichkeit eines Doppelkunstbesuches einräumen. Wer also von Dix in den Kunstsammlungen noch nicht genug hat, so wie meine Begleiterin und ich, schreitet über die Weiße Elster und sieht sich im ebenfalls seit 2024 neu gestalteten Geburtshaus um.
Otto Dix aus Gera Untermhaus

Otto Dix (1891 – 1969), geboren am 2. Dezember 1891 in Gera Untermhaus, nicht ganz 500 Meter von der barocken Orangerie entfernt, wäre dieses Jahr 135 Jahre alt geworden. Als einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts wurde sein Lebenslauf schon so umfangreich publiziert, dass ich diesen nicht noch einmal wiederhole. Ein paar zeitliche Eckpunkte möchte ich trotzdem nennen.
Dix ist ein Arbeiterkind, wächst aber in keinen ärmlichen Verhältnissen auf. Die angemietete Erdgeschosswohnung auf dem Mohrenplatz in Untermhaus wird bald verlassen, viele Wohnungswechsel folgen. Nach der Ausbildung zum Dekorationsmaler nimmt er ein Studium (1910 – 1914) an der Kunstgewerbeschule Dresden auf. Mit der Stadt an der Elbe und manchen seiner Bewohnern bleibt er ein Leben lang verbunden.
Nach dem Ende des ersten Weltkrieges studiert er bis 1922 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Dresden. 1927 übernimmt er die Professur vom verstorbenen Otto Gussmann (1869–1926), bei dem er Meisterschüler war. Bis 1932 entsteht sein Triptychon „Der Krieg“, was zu den bedeutendsten Antikriegsbildern zählt. Unmittelbar nach dem Machtantritt der Nazis wird Dix von der Akademie entlassen. Seine Kunst galt als „entartet“. Sein Atelier in der Dresdener Bayreuther Straße 32 muss er aufgeben, ab 1936 bis 1969 lebt er in Hemmenhofen am Bodensee.
Richtig zufrieden war er in dem Ort auf der Höri, der Halbinsel im Bodensee, wohl nicht. So schrieb er 1953 seinem Malerfreund Ernst Bursche: „Es war doch eine schöne Zeit, wo ich in Dresden war, … Es ist doch eine Saugegend hier.“

Dresden lockte ihn nach 1947 aus unterschiedlichen Gründen immer wieder. Mit dem Drucker für Holzschnitt, Radierung und Lithografie Roland Ehrhardt (1924-1999) konnte er bis 1966 jährlich Farblithografien in Dresden drucken. Nicht nur zweitrangig waren zu diesem Zeitraum wohl auch seine Besuche bei Käthe König (1901–1981), seinem ehemaligen Modell und seiner Geliebten, mit der er eine gemeinsame Tochter hatte.
Otto Dix stirbt am 25. Juli 1969 in Singen am Bodensee.
„Trau deinen Augen“
Der Titel der neuen Werkschau in der Kunstsammlung Gera – Orangerie ist ein Ausspruch des Künstlers, kann aber auch als Aufforderung an die Ausstellungsbesucher gemeint sein. Wir haben es jedenfalls so empfunden. Die Gesamtpräsentation hat einen sehr guten Eindruck auf uns gemacht. Die Räume sind modern, aber keinesfalls modern überladen, eingerichtet.
Obwohl es Medienstationen zur Eigennutzung gibt, wurden wir als Besucher nicht erschlagen und fühlten uns auch nicht von Technik oder Personal ständig überwacht. Wer kennt nicht das nervige Pfeifen, sobald mal der Finger etwas näher in Richtung Kunstwerk zeigt. Im Gegenteil, als wir uns schon verabschieden wollten, entstand mit einer sehr sach- und fachkundigen Ausstellungsbetreuerin eine angeregtes Gespräch über Dix, Dresden, die Kunst und …

Im Anschluss wandelten wir auf die andere Flussseite und besichtigten auch das neu gestaltete Geburtshaus. Die Familie Dix hatte ja im Erdgeschoss gewohnt, jetzt wird die Wohnungseinrichtung, inklusiver vieler Skizzen, Zeichnungen und Fototafeln in der verwinkelten ersten Etage gezeigt.

Kunst und Baukunst in Gera
Zwar laden kalte und feuchte Wintertage nicht unbedingt zum Stadtbummel ein, wenn wir aber schon mal da sind, wollten wir auch etwas von Gera sehen. Also wagten wir noch einen kurzen Rundgang durch die Stadt an der Weißen Elster. Zuvor wurde noch in einem am Silvestertag bis 16 Uhr geöffneten Café am Markt vorzügliche Torte mit Kaffee und Schokolade verspeist.
Die Innenstadt ist von einer Kombination verschiedener Bauzeitstile geprägt. Neben historischen Gassen und Straßen, besonders rund um den Markt, wurden manche Straßenzüge mit nicht besonders attraktiven DDR-Plattenbauten ergänzt. Trotzdem gab es auch dort so einiges zu entdecken.
Vom Markt aus liefen wir durch die Rittergasse und Schuhgasse. Hier fanden sich Beispiele, dass in der DDR die Plattenbauten zwar teilweise extrem hässlich aussahen, durch die baubezogene Kunst jedoch eine markante Aufwertung und Individualität erfuhren. Die Hauseingänge der Häuser wurden mit interessanten Hauszeichenapplikationen ausgestaltet. Unabhängig vom heutigen Zustand der Immobilien finden sich diese noch immer. Als Schöpfer der Portale werden die Künstler Peter Willmaser (1941 – 1989), André Bauersfeld (geb. 1952) und Christian Lüttich (1934 – 2011) angegeben.
Auf unserem Weg vom Markt zum Museumsplatz tangieren wir eine Seitenwand der im Jahr 2020 gebauten Otto-Dix-Passage. Seit April 2022 sind an der Fassade zwei Sandsteinreliefs angebracht, die ursprünglich die Gera-Information zierten, welche 1998 abgerissen wurde (warum eigentlich?). Dargestellt sind historische und moderne Gebäude der Stadt Gera und historische Bauwerke und Orte des ehemaligen Bezirkes Gera. Die Entwürfe lieferten Ende der 1970er Jahre die Geraer Künstler Eberhard Dietzsch, Rolf. F. Müller und Günter Kerzig.

Rückkehr nach Gera
Obwohl das Wetter nicht ganz so mitgespielt hat, war der Kurzausflug in die Otto-Dix-Stadt schön. Wenn sich die Temperaturen wieder in den zweistelligen Plusbereich bewegen und sich die Sonne ausdauernd zeigt, werden wir Gera noch einmal besuchen. Das oberhalb der Weißen Elster thronende Schloss Osterstein und das Museum für Angewandte Kunst stehen dann bestimmt mit auf dem Programm.



