Fachwerkhäuser im Ostharz

Traditionelle Fachwerkarchitektur
Fachwerkhäuser und Fachwerkbauten gehören zu einer Baukonstruktion, bei der vordergründig Holz als Baustoff eingesetzt wird. In vielen mittelalterlichen Stadtkernen, wenig bis überhaupt nicht in Sachsen, können diese Zeugnisse der traditionellen Handwerkskunst bewundert werden. Ein kleiner Ausflug nach Sachsen-Anhalt und Niedersachsen führte mich in Städte, in denen diese historische Stadtbaukunst in großer Dichte und Vielfalt erhalten ist bzw. wieder hergestellt wurde.
Fachwerkbau – ganz einfach

Vom Spätmittelalter bis in die heutige Zeit wurden und werden Fachwerkhäuser gebaut. Bei den historischen Fachwerken ist die Holz-Skelettbauweise die dominierende Bauweise. Hier umschließen senkrechte und waagerechte Gefügeteile (Holzbalken), oftmals mit Verstrebungen versehen, die Gefache. Diese Zwischenräume wurden mit anderen Baumaterialien, z.B. mit Lehmflechtwerk oder Backstein geschlossen (ausgefacht). Neben Häusern, die einen klassischen Ständerbau zeigen, gibt es eine Vielzahl von Fachwerkbauten mit den unterschiedlichsten Ornamenten und Verzierungen. Hier war schon früher der Geldbeutel des Bauherrn das Maß für den Gestaltungsumfang. Heute freut uns das, denn gerade diese schönen Zierformen sind besonders anziehend.
Damit sich interessierte Menschen die Schönheit dieser alten Bauweise konzentriert und in regionalen Abschnitte ansehen können, wurde 1990 die „Deutsche Fachwerkstraße“ gegründet. Die Gliederung erfolgt in acht Regionalstrecken, die durch die Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg führen.
Obwohl es in Sachsen keine Städte gibt, in denen diese alte Holzbaukunst in konzentrierter Form vorhanden ist, wurde eine sächsische Region, die Oberlausitz, mit in die Fachwerkstraße aufgenommen. Für die in dieser Gegend, teilweise auch anderswo, in großer Anzahl vorhandenen Umgebindehäusern, wurde mit einer Länge von 112 km die Oberlausitzer Umgebindehausstraße geschaffen.
Klassische Umgebindehäuser sind in der Urform keine Fachwerkbauten. Das Umgebinde im Erdgeschoss, die sogenannte Blockstube, was den Häusern auch den Namen gibt, bildet immer den Grundstock. Die meisten Umgebindehäuser haben aber ein Obergeschoss, was in der für Fachwerkbauten typischen Ständerbauweise ausgeführt wird. Umgebindehäuser mit nur einer Etage gibt es nahezu nicht.
Fachwerkstädte im Harz
Die Harzregion war schon öfters mein Urlaubsziel. Den letzten Kurzurlaub verbrachte ich zum Jahreswechsel 2019/2020 in Wernigerode. Am Silvesterabend erlebte ich mit meiner Begleitung eine Silvesterandacht in der dortigen Johanniskirche. Diese war gut besucht, das alte Jahr wurde stimmungsvoll verabschiedet, die Pfarrerin entließ alle Gäste an der Kirchenpforte persönlich per Handschlag. Das Jahr 2020 begann ungefähr zwei Stunden später. Die Erwartungen an dieses waren unterschiedlich groß und überwiegend freudig. Was dann wenige Monate später folgte, ist bekannt …
Nach einigen Jahren Abstinenz, zog es uns mal wieder in die Harzgegend. Auch für die diesjährigen Ausflüge wählte ich wieder Wernigerode als Ausgangspunkt. Die bunte Stadt am Harz, wie sie sich selbst nennt, wer kennt sie nicht? Neben einigen Stadtbesichtigungen, wollten wir auch die Harznatur erleben, was die Eisheiligen etwas einschränkten. So blieb es bei kleineren Aktivitäten, die aber nicht minder schön waren. Über zwei Städte möchte ich etwas erzählen.
Wernigerode – die bunte Stadt

Die meisten Stadtrundgänge beginnen am Marktplatz, so auch in Wernigerode. Eins der markantesten Fotomotive der Stadt konnten wir nur verhüllt sehen. Das Wernigeröder Rathaus wird noch bis zum Herbst 2026 saniert, eine farbige Riesenplane verdeckt das Baugerüst.
Zum Glück finden sich in der Stadt aber für einen ausgedehnten Spaziergang genügend beeindruckende Gassen und Gässchen. Die Faszination Fachwerk kann dabei überall bewundert werden. Die Wege durch die Altstadt sind kurz, rund um den Marktplatz gibt es Fußgängerzonen. Die bekanntesten Häuser wie das Gothische Haus, das Café Wien, das schiefe Haus und das Krummelsche Haus zeigen die Vielfältigkeit der Fachwerkarchitektur.

Vom Stadtzentrum aus ist auch der Weg zu dem von vielen Seiten sichtbaren Schloss nicht weit. Ich wählte den Weg durch den Lustgarten, vorbei am Fürstlichen Marstall. Die letzten Meter wurde es etwas steiler, dafür erwartete mich von der Terrasse aus ein schöner Blick zum Brocken (1.141 m). Bei guter Sicht sind die Bauten auf dem rund 12 Kilometer Luftlinie entfernten höchsten Gipfel des Nationalparks Harz schön zu sehen.
Mit der Brockenbahn, ein Teil der Harzer Schmalspurbahnen (HSB), kann der Brocken in nicht ganz zwei Stunden „bezwungen“ werden. Allerdings ist das Vergnügen nicht ganz billig. Erwachsene bezahlen von allen Stationen der HSB bis zum Brockenbahnhof für die Hin- und Rückfahrt 65 €. Wer nur bis nach Schierke möchte und dann den Berg zu Fuß erwandern will, kommt kostengünstiger davon. Von Wernigerode nach Schierke werden von Erwachsenen für die Hin- und Rückfahrt nur 24 € gefordert. (Alle Preisangaben Stand Juni 2026)
Welterbestadt Quedlinburg

Keine 30 Autominuten von Wernigerode entfernt, liegt die Stadt Quedlinburg. Diese ist ähnlich bekannt wie Wernigerode und wird auch ähnlich intensiv besucht. Seit 1994 gehört sie mit der Altstadt, dem Schloss und mit der Stiftskirche zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ungefähr 1.300 Fachwerkhäuser gibt es in der Welterbestadt. Die Stiftskirche St. Servatii auf dem Schlossberg ist immer wieder ein besonderer Anziehungspunkt. Leider gibt es auch dort Baumaßnahmen. Wir entschieden uns trotz des feuchten Wetters für einen ausgedehnten Stadtbummel.

Obwohl ich den GutsMuths-Rennsteiglauf über verschiedene Strecken schon öfters bewältigt habe, wusste ich nicht, dass sein Namensgeber in Quedlinburg geboren wurde. Bei unserem Stadtbummel standen wir plötzlich vor seinem Geburtshaus. Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759 – 1839) war ein Pädagoge und arbeitete als Erzieher in Schnepfenthal (Thüringen).
Bei seiner Schularbeit legte er großen Wert auf körperliche Bildung, die er immer weiter intensivierte und auch bekannt machte. „Vom Leichten zum Schweren“ und „Man gebrauche nicht den Zwang! Man ermuntere durch Beifall!“ waren seine Thesen, die auch heute noch trainingsdidaktisch Verwendung finden sollten.
Lyonel Feininger und Hermann Klumpp in Quedlinburg
Zwar kein Sohn der Stadt, aber mit einer engen Bindung zu Quedlinburg versehen ist Lyonel Feininger (1871–1956). Er war als Maler und Grafiker ein Vertreter der Klassischen Moderne, sein unverwechselbarer Malstil machte ihn weltberühmt.

Das schon 1986 als Galerie eröffnete Museum Lyonel Feininger Quedlinburg war uns schon bekannt. Ein Besuch ist aber immer wieder lohnenswert. Nebenbei tauchte die Frage auf: warum wird ein in New York geborener und dort verstorbener Künstler in der Kleinstadt Quedlinburg so geehrt? Die Antwort liefert eine kleine Ausstellung und ein interessanter Film über den promovierten Juristen und studierten Architekten Dr. Hermann Klumpp.
Der Quedlinburger rettete und bewahrte bedeutende Werke Feinigers, als dieser 1937 Deutschland wieder nach New York verlässt. Bis 1972 verbleiben die Bilder bei Dr. Klumpp in der Pölle 32 in Quedlinburg. Dann werden sie von den „zuständigen Organen“ der DDR beschlagnahmt und in der Nationalgalerie Berlin (Alte Nationalgalerie) viele Jahre unter Verschluss gehalten. Unter dem Titel „Lyonel Feininger – Odyssee eines Bilderschatzes“ kann der gesamte Film (29 Minuten) angesehen werden. Die in der Sammlung Klumpp erhalten gebliebenen und nicht beschlagnahmten Grafiken und Aquarelle von Lyonel Feininger bildeten 1986 den Grundstein für die Gründung der Lyonel Feininger Galerie.
Nachtrag – Fachwerkhaus in Dresden
Der Dresdner Heimathistoriker Klaus Brendler macht mich auf einen interessanten Hausumbau aufmerksam. Auf der Gaußstraße im Dresdner Stadtteil Trachau konnte er die fachwerkgerechte Sanierung eines Hausteils beobachten. Der alte Zustand vom Jahr 2008 zeigt die lattenmäßige Verblendung der dahinter liegenden Fachwerkstruktur.
Nach Beseitigung der Holzlatten sind die Balken mit der alten Ausfachung sichtbar. Seit dem Jahr 2015 zeigt sich die Giebelseite in neuer Form. Wie zu erkenne ist, wurde nur die Giebelseite wieder sichtbar gemacht. Auch wenn vor dieser noch ein Rankgitter steht, sieht es bedeutend schöner aus, als im Urzustand des Jahres 2008.
















