Unterwegs auf der Muldeninsel in Döbeln

Die Inselstadt Döbeln
Die über 1.000jährige Stadt Döbeln in Mittelsachsen hat eine Eigenschaft, die bei sächsischen Städten selten, wenn nicht sogar einmalig ist. Der historische Stadtkern liegt auf einer Insel. Die Freiberger Mulde umfließt die Altstadt nördlich und im südlichen Abschnitt bildet die Flutmulde die Grenze. Insgesamt gewährleisten sieben Brücken die Verbindung zur Altstadt.
Inselstädte habe ich schon einige kennengerlernt. Ich denke dabei an die mecklenburgische Kleinstadt Malchow. Zwischen dem Plauer See und dem Fleesensee gelegen, führt eine schöne Drehbrücke auf die Insel. Brandenburg an der Havel liegt gleich in einem großen Netz von Wasserläufen und Seen und in Werder (Havel) wird die Altstadt komplett von der Havel umflossen.
Nun führte mich meine Halbtagesreise in die Große Kreisstadt Döbeln. Auslöser war eine Informationsbroschüre über die Stadt, die irgendwie in meine Hände gekommen ist und die ich nicht uninteressant fand.
Altstadtrundgang

Für meinen Altstadtrundgang durch die sächsische Stadt stellte ich das Fahrzeug auf der Ritterstraße ab. Mit der kleinen Broschüre in der Tasche, welche auch einen Stadtplan mit markierten Hinweisen zu interessanten Orten und Objekten enthält, ging es los. Insgesamt kamen nicht mehr als drei Kilometer Straßenwanderung zusammen, was bei Bandscheibenvorgeschädigten trotzdem unangenehm werden kann.
Neben den üblichen Sehenswürdigkeiten, die Städte nun mal so haben, rühmt sich die Stadt Döbeln mit zwei Besonderheiten. Zum einen ist das eine Pferdebahn, eine Straßenbahn, die von Pferden gezogen wird. Zum anderen wird Döbeln häufig als Stiefelstadt bezeichnet.
Die Döbelner Pferdebahn verkehrte von 1892 bis zu ihrer Einstellung im Jahr 1926 zwischen dem Bahnhof und der Innenstadt und war so schon eine Art ÖPNV. Seit 2007 gibt es sie wieder, nun aber als Museumsbahn. An bestimmten Fahrtagen kann die Döbelner Pferdestraßenbahn benutzt werden, Sonderfahrten sind möglich.
Die Bezeichnung Stiefelstadt hat einen anderen Hintergrund. Im Jahr 1925 wurde anlässlich des 600-jährigen Jubiläums der Döbelner Schuhmacherinnung ein Riesenstiefel von 3,70 m Höhe angefertigt und ausgestellt. Ab 1957 stand er im damaligen Kreismuseum auf der Burg Mildenstein, wurde 2010 wieder in die Heimat geholt, saniert und kann nun wieder im Rathaus bestaunt werden.
Zum 100. Geburtstag des Riesenstiefels hatten sich die Döbelner eine farbenfreudige Aktion ausgedacht. Mit einer Stiefelparade, zehn individuell gestaltete Stiefel, die in der Innenstadt verteilt aufgestellt wurden, wird an den Riesenstiefel erinnert.
Neue Sachlichkeit am Stadtbad
Mein Spaziergang führte mich zuerst zum Stadtbad. Dieses wurde im Baustil der neuen Sachlichkeit errichtet und im Olympiajahr 1936 eröffnet. Vor dem Haus stehen zwei Figurengruppen, deren Schöpfer der aus Döbeln stammende Bildhauer Otto Rost (1887 – 1970) ist. Insgesamt hat er in seinem Bildhauerleben über 400 Skulpturen und Plastiken in verschiedenen Gesellschaftsordnungen geschaffen. Den Dresdnern dürfte er durch die „Große Knieende“ im Rosengarten und das Ehrenmal für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der Roten Armee bekannt sein. Letzteres stand ab 1945 bis 1994 am Albertplatz (damals Platz der Einheit) an Stelle der zerstörten „Stürmischen Wogen“, einem von zwei Monumentalbrunnen des Bildhauers Robert Diez (1844 – 1922).
Vom Niedermarkt zum Obermarkt
Ich gehe bis zur Bahnhofstraße zurück und folge dieser bis zum Niedermarkt. Auf meinem Weg dorthin passiere ich das ehemalige Kino Capitol und das Theater Döbeln. Gemeinsam mit den Stadttheater Freiberg bildet es das Mittelsächsische Theater, was pro Saison mehr als 600 Veranstaltungen anbietet.
Ein Blickfang in der Fußgängerzone „Am Niedermarkt“ ist der Stiefelbrunnen. Der Dresdner Bildhauer Vinzenz Wanitschke (1932 – 2012) hat ihn geschaffen, er steht seit Mai 2001 an diesem Ort und seine Herstellung wurde mit Spendengeldern finanziert. Eine weitere Brunnenplastik von Vinzenz Wanitschke ist auf dem Marktplatz in Neustadt/Sachsen zu sehen.

Weiter geht mein Spaziergang durch die Gassen der Stadt. Im Folgenden erreiche ich den Obermarkt, den zentralen Platz von Döbeln. Das Rathaus ist hier das dominierende Gebäude. In diesem warten in der mit Infomaterial gut bestückten Tourismusinformation die Mitarbeiter auf ihre Gäste. Gleich nebenan befindet sich der Haupteingang mit seinem imposanten Portal. Wer das Stadtmuseum und die Kleine Galerie aufsuchen möchte, muss bis ins Dachgeschoss steigen.

Die Stadtkirche St. Nicolai
Schon vom Obermarkt aus sehe ich die Stadtkirche St. Nicolai, mein nächstes Ziel. Nach einem Stadtbrand im Jahr 1333 wurde die Kirche neu gebaut. In den folgenden Jahrhunderten wurde diese mehrfach verändert, erweitert und ergänzt. Bei der Innenbesichtigung fällt mir als erstes der spätgotische Schnitzaltar auf. Mit 12,24 Metern Höhe ist er schon sehr gewaltig.
In der kleinen Broschüre hatte ich von einem Mirakelmann gelesen, den ich auf der Empore besichtigen kann. Bei diesem handelt es sich um eine einzigartige, bewegliche und lebensgroße Skulptur aus Lindenholz. Sie wurde bei Mysterien- und Passionsspielen verwendet, um den Leidensweg Christi (die Kreuzigung, die Kreuzabnahme und die Grablegung) bildhaft darzustellen. Neben der Beweglichkeit und der anatomischen Korrektheit, wurde auch der Blutaustritt an der Brustwunde realistisch dargestellt. Dazu wurde seinerzeit gefärbte Flüssigkeit (Tierblut) verwendet.
Von der St. Nicolai Kirche noch beeindruckt, mache ich mich auf den Rückweg und statte den Färberhäusern noch einen kurzen Besuch ab. Diese direkt an der Freiberger Mulde liegenden Fachwerkhäuser gehören mit zum ältesten Siedlungsgebiet der Stadt. Für die letzten Meter Stadtspaziergang nutze ich eine verkehrsreiche Straße, die sich Kleine Kirchgasse nennt. Plötzlich mache ich eine lustige Entdeckung, vor mir steht eine „Čezeta“. Nicht ganz neu, nicht fahrtauglich, aber ganz weit in meinem Gedächtnis taucht eine Erinnerung auf.
Die Čezeta 502

Dieser Motorroller wurde im damaligen Bruderland der DDR, in der ČSSR, gebaut und vom staatlichen Außenhandel eingekauft. Die Jugendzeitschrift „Jugend und Technik“ hatte das Fahrzeug auf dem Titelbild der Märzausgabe des Jahres 1961 abgedruckt. Wie die meisten Zweiradfahrzeuge jener Zeit, die aus dem Nachbarland stammten, war auch dieser Motorroller beim Fahren nicht ganz geräuschlos. Auf Grund seines langen Vorderteils, auf dem auch etwas Gepäck transportiert werden konnte, erhielt der Roller in seinem Heimatland den Beinamen „prasátko“ (dt. Schweinchen).












