Spurensuche am Schloss Colditz

Schloss Colditz, früher und heute
Persönliche Geschichten sind immer dann besonders interessant, wenn die Spurensuche in der Vergangenheit durch alte Fotografien unterstützt wird. Oftmals sind diese Fotos auch erst der Auslöser für solche Exkursionen. Meist ist das Ergebnis der Erkundungen jedoch kaum vorhersagbar. Besonders dann, wenn zwischen dem Aufnahmedatum eines Fotos und dem Besuch der Örtlichkeit rund 90 Jahre liegen.
Vor längerer Zeit erhielt ich eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie, auf der ein Teil des Colditzer Schlosses abgebildet ist. Uniformierte Menschen verlassen das Tor, andere beobachten den Marsch. Das Foto wurde wohl in den 1930er Jahren aufgenommen. Die Mutter einer Bekannte verbrachte die Kindheit auf Schloss Colditz, von ihr stammt das Foto.

Gemeinsam mit meiner Bekannten wollten wir diesem Bild auf die Spur gehen. Von wo wurde es aufgenommen, wie sieht es heute dort aus? Also reisten wir mit dieser und weiteren Fotografien an einem sommerlichen Sonntag im Juli 2023 nach Colditz. Die Stadt gehört touristisch gesehen zum Sächsischen Burgenland.
Das Schloss Colditz
Am Schloss Colditz angekommen, es ist ein Objekt der „Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gemeinnützige GmbH“, begaben wir uns zuerst in das Schlossareal. Wir besichtigten den umfangreichen Schlossbereich, dessen Geschichte hier nachgelesen werden kann. Der gewaltige Gebäudekomplex beherbergt heute u.a. ein Fluchtmuseum (von 1939 bis 1945 war das Schloss ein Gefangenenlager für Offiziere – das Offizierslager Oflag IV C), die Jugendherberge Schloss Colditz und die Landesmusikakademie Sachsen.

Von Schwarz-Weiß zur Farbe
Aber wir sind ja hauptsächlich zur privaten Spurensuche nach Colditz gefahren. Diese haben wir anschließend im Außenbereich des Schlosses auch aufgenommen. Das auf der alten Fotografie rechts angedeutete Gebäude könnte das Geburtshaus der Mutter meiner Bekannten sein. Uns fiel jedoch auf, dass es zwischen dem Foto und der Realität erhebliche Unterschiede am Haus gibt, wenn auch Einzelheiten (Treppe, Geländer, Fallrohr) auf Gemeinsamkeiten hindeuteten. Neben dem allgemein besseren äußeren Zustand besteht der Hauptunterschied in einem Erker, der auf dem alten Foto nicht vorhanden ist und dem heutigen Haus ein völlig anderes Aussehen gibt.
Bei dem betroffenen Haus handelt es sich um das sogenannte Schleinitzhaus. Diese taucht allerdings in alten Aufnahmen immer ohne Erker auf, was uns rätselhaft erschien.
In einem Artikel des Wissensportals des Schlösserland Sachsen wird unter dem Titel „Die Wiedergeburt eines Erkers“ die Geschichte des Hauses interessant beschrieben. Kurz zusammengefasst: Der Erker existierte an dem 500 Jahre alten Schleinitzhaus reichlich 350 Jahre, wurde im späten 19. Jahrhundert bei einem Umbau abgerissen und nun im Zusammenhang mit einer Sanierung im Jahr 2021 wieder neu errichtet.
Colditz an der Zwickauer Mulde

Nach dem Schlossbesuch machten wir uns auf, der kleinen Stadt Colditz noch einen Besuch abzustatten. Colditz, die letzte Stadt an der Zwickauer Mulde, bevor der Fluss nur wenige Kilometer weiter bei Sermuth, mit der Freiberger Mulde zur Vereinigten Mulde fusioniert, hat oberflächlich betrachtet nicht viel zu bieten. Auf den zweiten Blick konnten wir aber schnell erkennen, dass die ältere und jüngste Geschichte Spuren in der Stadt hinterlassen hat.
Colditz die Porzellanstadt
Welcher DDR-Bürger kennt nicht das Hotelporzellan „RATIONELL“, welches in verschiedenen Dekors in Kantinen, Gaststätten, Kinderferienlagern, Mitropa-Restaurants und sogar in Interhotels als Standardgeschirr Verwendung fand? Zur Leipziger Herbstmesse 1972 wurde „RATIONELL“ mit einer Goldmedaille ausgezeichnet, in diesem Fall nicht ohne Grund. Die Gestalter Margarete Jahny und Erich Müller schufen mit dieser einmaligen Form einen Dauerbrenner, der im VEB Porzellankombinat Colditz, später auch im VEB Henneberg Porzellan Ilmenau, hergestellt wurde. Wer noch ein Kaffeekännchen „RATIONELL“ in seinem Haushalt hat oder auf einem Trödelmarkt findet, kann es probieren. Trotz extremer Neigung, fällt der Deckel nicht ab – ohne zusätzliche Verrieglung. Diese praktische Designleistung reicht aber nur bis 1990.
Danach hielt auch in Colditz der Fortschritt Einzug, nur leider nicht nachhaltig genug. Eigentümerwechsel und die Umfirmierung zum Porzellanwerk Colditz GmbH reichten nicht, es schloss im Jahr 1997 für immer die Tore. Nach 2007 wurden fast alle Gebäude abgebrochen. Heute erinnert die Keramik-Kunst-Route Colditz an die Colditzer Steingut- und Porzellangeschichte.














